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3. Machen wir weiter – oder nicht?!

Es war also ein sichtbarer Anfang gemacht. Nach 2 Wochen stellten wir mit Befriedigung fest, daß das Ganze schon ziemlich aufgeräumt und ordentlich aussah. Wir dachten, den ärgsten Dreck hätten wir nun hinter uns und alles andere sei gar nicht mehr so schlimm. Weit gefehlt! Wenn wir geahnt hätten, was in der nächsten Zeit auf uns zukommen sollte, so hätten wir alles stehen und liegen lassen und wären nach Australien ausgewandert. Es sollte nämlich jetzt die aufreibendste Phase des Unternehmens beginnen, voll immer neuer Aufregungen und böser Überraschungen, einfach nervenzerrüttend.

Wir begannen mit dem „Entkernen“ des Fachwerks, also dem Freilegen der Balken an verschiedenen Stellen, um den tatsächlichen Zustand des Holzes festzustellen. Bei einer ordnungsgemäßen, gründlichen Sanierung sollte kein verrottetes Holz übersehen, sondern gründlich entfernt werden. Daß einige Balken im Erdgeschoß  vom Schwamm befallen waren, wußten wir bereits. Auch, daß wahrscheinlich der gesamte Dachstuhl erneuert werden mußte. Aber nicht, daß der größte tragende Längsbalken im

Untergeschoß in der Mitte vollkommen durchgefault war! Das war der erste Schock. Der zweite kam, als festgestellt wurde, daß auch die gesamte Kellerdecke neu eingezogen werden mußte. Der dritte, als herauskam, daß nahezu sämtliche Lagerschwellen auf dem gemauerten Sockel, die Grundlage des gesamten Fachwerkaufbaues, ebenfalls verfault waren, was vorher nicht zu sehen war. Ab da zählten wir die Schocks nicht mehr.


Untergeschoß nach dem Entkernen

Jeder Morgen begann mit der bangen Frage, was denn heute wieder alles zum Vorschein käme, und unsere Ahnungen trogen nicht!

Unserem Vater, der so frisch und unternehmungslustig begonnen hatte, war schon nach einigen dieser Tage sein Schwung gänzlich abhanden gekommen, und ab da betätigte er sich hauptberuflich als Überbringer der täglichen Hiobs-Botschaften. Durchschnittlich drei- bis viermal am Tag überfiel er uns im Büro und brachte Vernichtung und Endzeitstimmung mit sich und über uns. „Kommt doch emol erraus – guckt selwer!! Hat doch alles kaan Wert!“ Wegwerfende Bewegungen mit beiden Händen, verzweifelndes Kopfschütteln. „Soll dann des werklich weitergemacht werrn? Macht wasser wollt! Ich lehn´alles ab, ich mach´ kaan Schlaach mehr!!“ Gottseidank behielt unser Sohn einen einigermaßen klaren Kopf, meistens jedenfalls, und ich selbst versuchte, ihm nach Kräften beizustehen, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Die Schäden waren tatsächlich viel schlimmer als erwartet, und auch uns überfielen immer öfter uneingestandene Zeifel. Noch war es ja Zeit – oder? Architekt Gerstner wurde zur Hilfe und Begutachtung gerufen. Der war gar nicht so überrascht, so schien es. Das wäre immer so, erklärte er fröhlich, und seinem ungebrochenen Optimismus und der zur Schau gestellten Zuversicht gelang es immer wieder, uns zum Durchhalten zu bewegen.

Schlaflose Nächte, erregte Auseinandersetzungen – aber so ganz nebenbei gingen die Bauarbeiten immer ein bißchen weiter. Eine letzte Krise kam, als wir feststellten, daß auch das Fachwerk der Giebelseite, das noch so massiv und stabil gewirkt hatte, im Erdgeschoß hauptsächlich im Bereich der Fenster sehr schadhaft war. Selbst unser Sohn wurde da schwankend, und am Abend, nach langer, ermüdender Diskussion, waren wir bereit zur Kapitulation. Doch , o Wunder! – Am nächsten Morgen, früh um vier, da war es plötzlich wieder unser Vater, der frischen Mut faßte. „Eichentlisch is es jetzt gar net mehr so schlimm. Jetzt hammer schon so vill draagehängt, schaffe mer de Rest aach noch – maanste net aach?!“

So  wurden die Zähne zusammengebissen und weitergemacht. Zu rechnen wagten wir vorläufig nicht mehr, aber wir hatten uns endgültig dazu durchgerungen, das Vorhaben weiterzumachen und zu beenden, wie lange es auch dauern mochte, komme was wolle.   

Damit soll  die Schilderung der Vorgeschichte und der persönlichen Umstände beendet sein. Solche oder ähnliche Erfahrungen kann jeder machen, der ein altes Fachwerkhaus besitzt und sanieren will. Aber ich will niemandem Angst machen. Es war dann tatsächlich nicht mehr so schlimm und hat auch noch viel Spaß gemacht. Ab jetzt sollen nun mehr die technischen Einzelheiten im Vordergrund stehen.

 

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